Seit 2017 schreibe ich etwas auf zu dem, was die Welt unbedingt zu Legasthenie und Schule wissen sollte. Nun wird es konkreter mit diesem Projekt. Da es zuvor immer wieder ins Stocken geriet, habe ich mich nämlich zu einem neuen "Format" entschieden: Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die etwas zum Thema beitragen wollen, sind herzlich eingeladen, auch Inhalte beizutragen, die  gängigen Expert*innenmeinungen widersprechen. Wichtig ist mir dabei, dass wir lösungsorientiert vorgehen und aus "dem Mist, den wir erleben, den besten Dünger produzieren"! 

Herzlich lade ich auch dich, auch Sie ein, daran teilzuhaben!

 

Mein Vorwort drucke ich unter dem Foto ab in der Hoffnung, es möge ein richtig, richtig fettes Buch und Gemeinschaftswerk daraus werden ...

Vorwort

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht eine weitere Familie Hände ringend Hilfe bei schulischen Herausforderungen sucht. Oder eine Lehrkraft schaut ratlos auf eine allzu verfahren erscheinende Situation mit einem Kind, einer Familie.

 

Hilflosigkeit führt zu Starre, Monologe ersetzen Dialoge. Vieles läuft nicht so, wie es im schulischen Ablauf oder Zuhause erstrebenswert erscheint. Zunehmend mehr Menschen wenden sich mit einem Beratungswunsch an uns.

 

Bei der Kontaktaufnahme scheint es vordergründig um Teilleistungsauffälligkeiten zu gehen: vermutete, schon erkannte oder solche, die gerade von Fachärzt*innen diagnostiziert werden sollen. Bei einer Legasthenie oder LRS (Lese-Rechtschreibschwäche) kann der Prozess des Lesen- oder Schreibenlernens individuell erschwert sein, bei einer Dyskalkulie (Rechenschwäche) sind etwa Würfel- und Mengenbilder nicht verinnerlicht, Rechenoperationen wurden noch nicht automatisiert. Der schulische Unterricht stellt deshalb eine unüberwindbare Hürde dar. Stark belastet und konfliktbehaftet gestaltet sich oft auch die nachmittägliche Hausaufgabensituation.

 

Gemeinsam können wir entdecken: Schulische Leistungsauffälligkeiten sind meist bloß die Spitze eines Eisbergs. Unter der scheinbar unbewegten Wasseroberfläche verbergen sich vielfältige Themen, wiederkehrende Muster, welche gesehen und gewürdigt werden wollen. Mitten aus dem Problem heraus, mithilfe vielleicht zunächst ungewohnter Betrachtungsweisen, darf die Lösung auftauchen – sind wir schon bereit, hinzuschauen und miteinander neue, gangbare Pfade zu erkunden? Können wir Verantwortung übernehmen statt Schuld zuzuweisen?

 

Der Mut, die Originalität sowie die Biografien junger Menschen rufen immer wieder aufs Neue unseren größten Respekt hervor. Deshalb wollen wir  Heran-wachsenden (wenn auch über Umwege) eine öffentliche Stimme verleihen. Sie geben „uns Erwachsenen“ die Chance, uns berühren und wandeln zu lassen. Die Scham, welche viele Schülerinnen und Schüler quält, weil sie sich für unzulänglich halten, treibt uns an, teils sehr leidvolle Geschichten als Dünger für neue Sichtweisen zu nutzen.

 

Was uns auffordert, immer wieder unsere Grenzen zu erweitern, teilen wir mit Ihnen in dem Wunsch, dadurch Impulse zu setzen für neue Wahl- und Handlungsmöglichkeiten, dies auch für uns selbst und unsere Arbeit. Das, was in uns angeklungen ist, unsere geänderten Haltungen, kann auch für Sie interessant sein - für Ihr Leben mit Kindern, in Partnerschaft, Ihre eigene Entwicklung und Arbeit.

 

Wir befinden uns an einer Weggabelung. Die Zeit ist eine sehr spezielle: ein neues Jahrtausend, die Herausforderungen des Klimawandels, das Jahrzehnt „nach Corona“ (und, wie heißt es im Sport? „Nach dem Spiel ist immer auch vor dem Spiel.“). „Gegeneinander“ ist nicht länger eine Option, Kooperation ist gefragt. Wir brauchen Gemeinschaft und können nicht länger vortäuschen, unser individuelles Handeln und auch unser Unterlassen wären ohne Folgen. Besonders dringend brauchen wir jene jungen Menschen, die sich der „schulischen und gesellschaft-lichen Normalität“ verweigern – denn sie sind nicht länger bereit, den Preis für ihre Anpassung zu zahlen und sich selbst zu verraten.

 

Es ist an uns, bewusst neue Werte zu definieren und diesen entsprechend zu bewussten Entscheidungen zu gelangen. So werden Krisen in Chancen verwandelt. Dann sind wir nicht länger ein Teil des Problems sind, sondern ein Teil der Lösung.

 

 

Solingen, Januar 2021