Lisas zweiter Sohn Erik ist das, was man schwerstbehindert nennt. „Er kann gar nichts“, sagt Lisa. Nicht laufen, nicht sprechen, nicht essen, nicht sehen. Die Herz-OP nach der Geburt ist schief gegangen. Über Inklusion in der Schule hat Lisa sich keine Gedanken gemacht. Gut, Erik besuchte den integrativen Kindergarten, immer wenn er einen guten Tag hatte. Aber eigentlich ging es die ersten Jahre täglich nur ums Überleben.

Was inklusive Schulen leisten können, sah Lisa jeden Tag in der Schule ihres älteren Sohnes. Wie selbstverständlich dort rollifahrende Mitschüler und Kinder mit Autismus oder geistiger Behinderung mittendrin waren. Aber für Erik? Förderschule, keine Frage!

Ein Gespräch mit den Lehrern brachte Lisas Gedanken in Bewegung. „Ich habe mindestens zwölf Gründe gehabt, warum das mit Erik in der Grundschule auf gar keinen Fall gut gehen könne“, erinnert sie sich, „und bei jeder Schwierigkeit hatten die Lehrer eine Idee, wie man das alles trotzdem hinkriegen könne.“

So wurde Erik im Sommer 2009 an der Grundschule eingeschult. Mit Stehständer, Liegekissen, Schulbegleiter und alle den Pflegeutensilien, die Erik braucht. Und mit Schulranzen. Dass der fehlte, hatte Eriks Bruder zwei Tage vor dem ersten Schultag bemerkt. Schüler ohne Ranzen? „Geht gar nicht!“, entschied er. Und wählte einen mit Star Wars-Motiven aus.

Die ganzen Grundschuljahre hat Erik inmitten der Kinder aus der Nachbarschaft verbracht. Meistens war er mit im Klassenraum, bekam dort seine Fördereinheiten und Therapien. Er wurde in den Pausen auf den Schulhof mitgenommen, ging mit zum Sportunterricht, hat die musikalischen Gehversuche seiner Mitschüler im Musikunterricht kommentiert. Denn Erik kann deutlich zeigen, wenn ihm etwas nicht gefällt. Oder wenn er sich freut.

Im Unterricht haben die anderen Kinder zu jedem Thema passende Dinge zum Anfassen gebastelt, damit auch Erik begreift worum es gerade geht. Sie haben ihn zu ihren Gruppenarbeiten herangezogen und mit ihm geredet, was sie gerade tun.

Irgendwann sprach die Klassenlehrerin Lisa an: „Ich habe noch nie eine Klasse gehabt, in der alle so schnell lesen gelernt haben“, berichtete sie. Und der Grund für den Lernerfolg war eindeutig Erik. Alle wollten Erik vorlesen, Das haben sich auch die scheuen Kinder getraut, die vor dem Lehrer oder den anderen Mitschülern den Mund nicht aufkriegen. Und alle haben sich größte Mühe gegeben gut und deutlich und spannend vorzulesen. So gut, dass Erik sich freut. „Da hab ich begriffen, dass mein Sohn Erik doch etwas kann“, sagt Lisa. „Erik macht andere Kinder schlau.“

Als Erik vor einem Jahr die Grundschule verlassen hat, waren die jüngeren Kinder der Klasse traurig, dass sie nun Niemanden mehr haben dem man so gut vorlesen kann. Aber Erik hat andere Aufgaben. Er macht jetzt an der Gesamtschule die Anderen schlau.

 

Gefunden auf der Seite von

http://www.eine-schule-fuer-alle.info/

Dort gibt es auch eine Beratungsstelle für inklusive Beschulung!

"Wer als Erwachsener integriert leben will, sollte das als Kind schon lernen dürfen."